Als du nicht mehr der große Beschützer warst

Es war in der achten Klasse.
1999.
Kurz nach meiner Konfirmation.
Es hat sich in der Schule etwas ereignet, auf das ich zu gegebener Zeit näher eingehen werde.

Ich weiß noch wie du vor mir standest.
Groß.
Bedrohlich.
Und mit tiefer, fester Stimme sprachst.
„Überlege dir nochmal ganz genau, wie das wirklich passiert ist!“

Damit hast du, der ohne wenn und aber, der der immer vorbehaltlos zu mir halten hätte müssen, mir eines gesagt:
„Ich glaube dir nicht.“

„Ich glaube dir nicht!“

Du hast es nicht direkt gesagt, aber dennoch.
Allein dein Auftreten, dein Ton, deine ganzes Verhalten in diesem Moment mir gegenüber.
Es hat so viel zerstört.

Du bist seitdem nicht mehr mein Beschützer.
Der weiße Ritter mit seinem Pferd hat sich in Luft aufgelöst.

Ich würde jetzt nicht sagen, dass dieser Moment meine Kindheit beendet hat.
Meine Kindheit war schon viel länger beendet.

Dieser Moment hat mein Vertrauen in dich zerstört.

Jedes mal wenn ich nun in den vergangenen Jahren gedacht hatte, oder auch jetzt noch denke, wir nähern uns wieder an, kam kurz darauf wieder so ein Moment.
Ein Moment der mich vom Gegenteil überzeugte.

Es wird nie wieder so sein.

Ich lerne nun erst langsam damit umzugehen.
Ich lerne, dass ich vergangenes verarbeiten muss.
Ich lerne, dass ich gegenwärtiges und zukünftiges nicht mehr so an mich heranlassen darf.

Ich fange an zu verarbeiten.

Verstehen? 
Verstehen werde ich so manches nicht.

Mein Beschützer ist fort.

Ich beschütze mich nun selbst!


„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

Toller Satz.
Vor allem wenn man diesen mit zwölf, höchstens dreizehn Jahren von seinem Vater zu hören bekommt.

Ja, ich wirke auf meine Außenwelt nicht wirklich introvertiert.
Nicht mehr.
Es war ein langer Weg.

„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

Es war ein Schutzmechanismus.
Wenn ich mich in mein noch nicht vorhandenes Selbst zurück gezogen habe, konnte mich ja keiner verletzen.

„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

Hallo? Ich war 12, höchstens 13.
Was sollte ich denn sonst sein bei dem ganzen Mist der mir in der Schule wiederfahren ist.

„Seid doch nicht immer so introvertiert!“

Dieser Satz klingt mir auch noch jetzt, nach 20 Jahren, in den Ohren.

„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

Weißt du was?
Du kannst mich mal.

Ich bin, unter anderem, dank diesem Satz von dir noch lange nicht da wo ich hin will.
Wo ich hingehöre.
Wo ich sein sollte.

„Sei doch nicht immer so introvertiert!“

Doch!
Ich bin introvertiert.
Das ist auch gut so.